Elternbeirat OvTG

Impressionen vom Vortrag „Handy, Mobbing, Computerspiele“

Nachlese

Wertvolle Tipps von Internetfahnder Rainer Richard

Die meisten der rund 150 Gäste, darunter auch einige Lehrkräfte des Otto-von-Taube-Gymnasiums, waren wegen der Kinder gekommen.  Um zu erfahren, welche Gefahren dem Nachwuchs durch Handy-Missbrauch, falsch verstandene Netzwerk-Freundschaften und heimlich erworbene Computerspiele drohen. Aber am Ende konnten die Erwachsenen auch wichtige Tipps für den eigenen Umgang mit Telefon und Internet mitnehmen. Rainer Richard, Erster Kriminalhauptkommissar und langjähriger Internetfahnder am Münchner Polizeipräsidium, warnte unmissverständlich:  „Antworten Sie nie auf SMS, deren Absender Sie nicht kennen, denn sonst kann es teuer werden!“ Auch beim Umgang mit Dateien unbekannter Absender gibt es für den Computerspezialisten nur eines: „Öffnen Sie solche Dateien auf keinen Fall, denn sonst könnten Sie sich einen Trojaner auf den PC holen.“ In seinem grauen Sakko verschwand Rainer Richard zwar fast vor der haushohen Leinwand, aber das was er zu sagen hatte, war umso eindringlicher.  Zum Beispiel, dass 99 Prozent aller Jugendlichen ein Handy besitzen und 94 Prozent ein Mobiltelefon mit Kamera haben. Doch immer wieder werden mit Hilfe von Fotohandys Persönlichkeitsrechte verletzt, indem zum Beispiel Unfälle oder Schlägereien, aber auch intime Situationen aufgenommen und blitzschnell ins Internet gestellt werden.  „Sekundäre Victimisierung“ nennt das Richard, „die nochmalige Demütigung durch Veröffentlichung“.  Ebenfalls unappetitlich: Die Verbreitung brutaler gewaltverherrlichender Videos via Mobiltelefon. Laut Rainer Richard kannten bei einer Erhebung 2007 mehr als drei Viertel aller Jugendlichen Gewaltvideos und mehr als ein Drittel hatte schon mal einen „Tierporno“ gesehen. Was Richard besonders schmerzt: „Die Jugendlichen wollen dieses Zeug oft gar nicht sehen, aber sie fürchten sich, dass sie dann als Weicheier dastehen und selbst Oper werden.“ Vor diesem Hintergrund appellierte der Kriminaler eindringlich an die anwesenden Eltern und Lehrer: „Geben Sie den Kindern ganz viel Selbstvertrauen. Sie sollen ohne Furcht sagen können: Ich will das nicht anschauen!“ Richard erinnerte auch daran, dass Eltern bei Handy-Providern Sperren beantragen können – zum Beispiel für Inhalte, die erst ab 16 freigegeben sind. Eine Alternative wäre, den Internet- und WAP-Zugang via Handy ganz sperren zu lassen. Und wenn man schon mal beim Sperren ist, sollte man gleich teure Sonderrufnummern blockieren lassen, „auch wenn die Kinder dann vielleicht nicht mehr bei ‚Deutschland sucht den Superstar‘ abstimmen können“.  Eine eindeutige Warnung auch vor Klingeltönen und angeblich lustigen Filmen fürs Handy: „Wer einen Jamba-Klingelton herunterlädt läuft Gefahr, ein Abo einzugehen. Und beim  Angebot von ‚Lachmeister‘ sind auch eklige und brutale Filme dabei.“ Für den Fall,  dass es doch mal schiefgegangen ist, hat Richard folgenden Rat: „Eltern können einen Vertragsabschluss, der ohne ihre Einwilligung zustande gekommen ist, innerhalb von 14 Tagen widerrufen.“  Als ungefährlich stuft Richard den „kindgerechten Provider“ www.kandymobile.de ein. Der schlage Alarm, wenn in einem Monat für mehr als 15 Euro telefoniert werde.  Und er biete auch eine Handy-Ortung an. In diesem Zusammenhang warb Rainer Richard guten Gewissens auch für die Seiten www.jugend-und-handy.de und  www.klicksafe.de.

Das zweite große Thema in der Großen Aula des Gautinger Otto-von-Taube-Gymnasiums war die Teilnahme von Kindern und Jugendlichen in sozialen Netzwerken. Rainer Richard zufolge sind bereits 80 Prozent aller Jugendlichen über 14 in Netzwerken wie Facebook unterwegs und geben dort nicht selten persönliche Details preis, die sie besser für sich behalten sollten.  Worauf man achten sollte: „Hinterfragen Sie alle Freundschaftsanfragen kritisch und vergeben Sie niemals leichtfertig den Freunde-Status!“ Den Eltern rät Richard, „sich das Profil der Kinder zeigen zu lassen oder besser noch das Profil gemeinsam mit dem Kind zu erstellen“. Eine weitere Empfehlung: „Stellen Sie nur allgemeine Informationen ein, mit denen Ihr Kind nicht identifiziert werden kann.“ Allerdings: Viele Kinder und Jugendliche können gar nichts dafür, wenns sie im Netz landen. „38 Prozent haben festgestellt, dass Fotos oder Videos von ihnen schon mal ohne ihr Einverständnis ins Internet gestellt wurden.“ In der Extrem-Form spricht man von Foto- oder Videomobbing,  wenn nämlich peinliche Aufnahmen bewusst auf Portale hochgeladen würden, um jemanden bloßzustellen. „Seien Sie zurückhaltend mit privaten Fotos“, rät Rainer Richard, „denn Fotos, die einmal im Netz sind, können kaum noch gelöscht werden.“ Ein besonders drastisches Beispiel führte Richard auf der Leinwand vor: Das harmlose Porträt eines Mädchens wurde mit ein paar Mausklicks so lange ausgeschnitten und bearbeitet, bis es das perfekte Gesicht für ein Porno-Model abgab. Weitere Spielarten sind Netzwerk-Mobbing mit beleidigenden Einträgen auf einer Seite oder Chat-Mobbing, wo gleich mehrere ohne Grund über eine Mitschülern oder einen Mitschüler herfallen.  Ebenfalls perfide ist Mobbing durch Identitätsdiebstahl.  Ein Täter nimmt eine gefälschte Identität an und legt so ein „Fake-Profil“ an. Dagegen kann man sich kaum wehren, denn, so Rainer Richard „Facebook reagiert auf so etwas gar nicht“. Besonders schwer mache es einem auch die zuletzt wieder in Gerede gekommene Seite „IShareGossip“ , denn da „ist der Betreiber ein Deutscher, der Server steht in Stockholm  und das ganze ist registriert in den USA“.  „Und die USA“, so Rainer Richard, stellen Meinungs- und Informationsfreit immer über den Schutz der Persönlichkeit.“  Vor diesem ernsten Hintergrund plädiert der Internetfahnder einmal mehr für klare Ansagen in der Schule: Bei ernsten Verstößen gegen das Handyverbot soll die Schule das Handy wegnehmen und wenn der Verdacht auf eine Straftat besteht, soll die Polizei informiert werden, denn die dürfe -anders als die Lehrer- ein konfisziertes Handy untersuchen.  Unmissverständlich fordert Rainer Richard auch die Benennung von Mobbing-Beauftragten an den Schulen, „denn 80 Prozent aller Mobbing-Fälle haben ihren Ursprung an der Schule“.  Richards Bitte: „Nehmen Sie Mobbing nicht auf die leichte Schulter. Glauben Sie Ihrem Kind! Rächen Sie sich nicht, sondern sammeln Sie Beweise. Drucken Sie diskriminierende Mails und Fotos aus. Und scheuen Sie sich nicht, in der Schule oder bei der Polizei um Hilfe zu bitten.“

Schließlich berichtete der Kommissar über den Jugendschutz und rief dazu auf, die Altersbeschränkungen bei Computerspielen ernst zu nehmen.  Er erinnerte an Amokläufe in deutschen Schulen und daran, dass die jugendlichen Täter in Erfurt, Emsdetten und Winnenden  allesamt Horrorvideos und Killerspiele konsumiert hätten.  Zwar machten Computerspiele noch lange keinen Killer, aber es stehe auch fest: „Wer sich seine Zeit mit brutalen Videospielen vertreibt, der neigt auch im normalen Leben zu Gewalt.“ Eine andere Ausprägung streifte Richard nur am Rande: Die Spielsucht.  Zugleich empfahl er die eindrucksvolle Seite eines Vaters, dessen Sohn computersüchtig war: www.Rollenspielsucht.de

Fast zwei Stunden dauerte Rainer Richards engagierter Vortrag. Zum Schluss gab es langen, hoch verdienten Applaus von den Eltern und den Lehrern. In einer Diskussionsrunde mit dem Publikum verriet der Redner weitere Tricks, um die Kinder vor den Tücken der Technik zu schützen: „Kaufen Sie ein Handy mit großem Display und großen Tasten, da können Sie davon ausgehen, dass kein Platz mehr ist für Schnickschnack. Die werden entweder als ‚Senioren-Handy‘ verkauft, oder aber, was für Kinder schon besser klingt, als Outdoor-Handy.“ Als Anbieter empfiehlt Rainer Richard zum Beispiel  www.pearl.de. Und noch ein Rat vom Experten: „Gegen die Abo-Falle hilft ein Prepaid-Handy. Wenn es leer ist, gibt es nix mehr zu holen.“ Nur eines wollte auch Rainer Richard nicht: Das Internet ganz aus der Schule verbannen, wie es eine besorgte Mutter forderte. Schützenhilfe bekam er von drei Lehrern des Otto-von-Taube-Gymnasiums.  Markus  Stöckle -er ist „Fachreferent Informatik Oberbayern-West“-  versicherte, „dass die Lehrkräfte in den Pausen schon sehr genau hinschauen“.  Vizedirektor Jürgen Kaletta erinnerte an das Gewaltpräventionsprogramm in den 6.  und  7. Klassen, in den dem ebenfalls Strategien gegen Mobbing und der Umgang mit dem Internet thematisiert würden. Und schließlich Hans-Joachim  Stumpf vom Direktorat, der den ganzen Abend lang für den richtigen Sound und das rechte Licht sorgte. Er bilanzierte am Ende eines höchst infomativen Abends: „Das Internet gehört zur Lebenswirklichkeit, auch an der Schule.“

Den Schlusspunkt setzte die Elternbeiratsvorsitzende  Jasmin Klingan. Sie überreichte dem Kommissar zum Dank noch einen Blumenstrauß. Nichts virtuelles, keine  versteckten Gebühren, keine Killerblumen. Und das Foto von den beiden wurde bis jetzt nur auf die Seite des Elternbeirats hochgeladen.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                .                                                                                                                      (Autor: Stefan Maier)

Rund 150 interessierte Besucher nahmen am vergangenen Dienstag am Vortrag von Rainer Richard zum Thema „Handy, Mobbing, Computerspiele“ teil.

Hier ein paar Impressionen …


Rainer Richard, Jasmin Klingan (EB OvTG)

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